Nearly lost in Translation

Es wird höchste Zeit, dass wir von unseren neuesten Erfahrungen berichten! Einige Zeit ist seit unserem letzten Eintrag vergangen und ein schlechtes Gewissen macht sich breit. Hongkong lässt uns momentan einfach zu wenig Zeit für unseren Blog. Und hier ist er: der längst überfällige Bericht über Huangshan.

NachtzugEs ist halb 8 morgens, als ich durch ständiges Hupen geweckt werde. Wir haben also die ländliche Gegend verlassen und unser Zug warnt leicht penetrant die auf den Schienen laufenden Leute. In 1,5 Stunden müssten wir Huangshan Stadt erreichen. Genug Zeit für meine Morgentoilette. Ich steige vom ‚komfortablen‘ Doppelstock-Bett, um mir im Waschraum die Zähne zu putzen. Christoffer schaut mich verschlafen aus dem unteren Bett an. Ich merke, ich bin nicht die einzige, die aufgewacht ist. Der Mann aus der Nebenkabine, der in der Nacht beinahe an seinem Geschnarche erstickt sein muss, entleert im selben Moment herzhaft seinen Hals- und Nasentrakt. Es geht ihm also gut! Mit der Besetzung unserer 4-Bett-Kabine können wir uns ziemlich glücklich schätzen. Hatten wir diese bei der Abfahrt aus Shanghai ganz für uns allein, stieg zwischendurch lediglich eine junge Chinesin zu. Sie kann leider kein Englisch (ein Problem, dass uns in Huangshan noch einige Male auf die Probe stellen soll), dafür hat sie nicht einmal geschnarcht oder gerotzt!
Nach 12 Stunden Fahrt mit dem Nachtzug erreichen wir schließlich um 9 Uhr den Bahnhof von Huangshan. Am Ausgang steuern wir auf einen kleinen Stand zu, an dem Karten mit Wanderrouten für das umliegende Gebirge verkauft werden. Unsere Vorfreude steigt – endlich raus aus dem Großstadt-Trubel! So dachten wir jedenfalls… Auf dem Weg zu unserer Unterkunft bemerken wir schnell, dass sich Huangshan als eine weitere Großstadt mit unzähligen Hochhäusern, ewig langen Straßen und viel Lärm entpuppt. Und warum verdammt noch mal sehen wir nicht ansatzweise etwas, das nach unserem Gebirge aussieht? Von einer hilfsbereiten Chinesin, die uns sofort auf englisch anspricht, müssen wir erfahren, dass sich die Stadt Huangshan und Huang Shan (Gelbe Berge) nicht in unmittelbarer Nähe befinden. Es wäre quasi so, als würde man von Magdeburg aus mal eben einen Ausflug in den Oberharz machen wollen. Da haben wir diese unglaubliche Ausdehnung Chinas mal ordentlich unterschätzt, die mit deutschen Maßstäben einfach nicht zu vergleichen sind. Für heute soll es also bei einer kleinen Stadterkundung bleiben.
Höllen-TreppeAm nächsten Morgen schnappen wir uns die Kamera, etwas Wasser sowie eine Tüte Erdnüsse und machen uns auf in die Gelben Berge. Wir entscheiden uns für die unkompliziertere Reisevariante und nehmen ein Taxi. Unser Fahrer wirft nur einen kurzen Blick auf die Karte und sofort geht es los. Sollte es wirklich so einfach sein? Zwischen waghalsigen Überholmanövern fängt er doch glatt an zu telefonieren und reicht sein Handy an Christoffer weiter. Mr. Hu, Hotelbesitzer und spricht hervorragend englisch, ist am anderen Ende. Er erkundigt sich über unser Vorhaben und klärt uns über erhöhte Eintrittspreise sowie über leicht verwirrende Busrouten-Angebote auf. Aha. Also kommt man zu Fuß nicht einfach so hinauf – und ohne zu bezahlen schon mal gar nicht. Eigentlich wollten wir ja nicht wieder einen Fuß in ein durchgeplantes, abgeriegeltes Territorium setzen. Klar, das Gebiet ist nicht zu unterschätzen und besonders im Winter für Wanderer gefährlich, doch scheint sich hier erneut eine durchorganisierte Touristen-Attraktion zu entlarven. Wir sind jedenfalls überrascht über so viel Fürsorge und Hilfsbereitschaft von Mr. Hu und führen unsere Reise dennoch fort. Nach ca. 45 Minuten Fahrt hält unser Taxi in einem kleinen Ort am Fuße des Mt. Huang Shan und wir treffen auf Mr. Hu. Er erklärt seinen neuen Schützlingen, wo man sich an der nahe gelegenen Bus-Station richtig anstellt und bespricht mit uns die beste Tagesroute. Zum Schluss schlägt er noch vor, dass unser Taxi hier warten und uns zurück zum Hotel fahren könne, gegen ein gewisses Entgelt versteht sich. Da ist er ja endlich, der Haken. Entgegen unseres Gespürs für Abzocke willigen wir dennoch ein – wir wollen einfach nur los und eine bequeme Rückfahrt ohne Verständigungsprobleme klingt einfach zu verlockend.
Am Eingang angekommen, haben wir nun genau zwei Möglichkeiten, um das Aussichtsplateau White Goose Ridge zu erreichen: die kostenpflichtige Seilbahn oder der Stufenweg, welcher im Internet eindrucksvoll als „hart und nur etwas für körperlich fitte Menschen“ beschrieben wurde. Da fällt uns die Entscheidung glatt leicht – wir gehen zu Fuß. 🙂 Wir sind unter uns, als wir die ersten Stufen erklimmen. Läuft ja bis jetzt richtig gut und wir treffen auf die ersten schneebedeckten Stellen und Behälter, die mit klarem Schmelzwasser gefüllt sind. Neben uns fließt ein Bach und ein leichter Nebel zieht auf. Wir genießen diesen Moment der Ruhe und atmen die klare, kalte Luft ein. Je höher wir kommen, umso mehr zieht sich der Nebel zu. Wir können nur erahnen, welche wahnsinnige Aussicht sich uns hier bietet. Mit jedem weiteren Schritt brennen unsere Oberschenkel etwas mehr und die Treppen wollen kein Ende nehmen. Dieser Weg hat seine Beschreibung auf jeden Fall verdient. Endlich treffen wir auf andere Wagemutige, denen es ähnlich gehen muss, und grinsen uns stolz an, wenn wir einen von ihnen überholen und weit hinter uns lassen. Doch dann begegnen sie uns: Mitarbeiter des Reservoirs, die schwer bepackt die kleinen, teils vereisten Stufen mit einer Leichtigkeit heruntersausen. Wir schauen ihnen nur verblüfft nach, essen unsere Erdnüsse und quälen uns weiter hinauf. Und endlich: nach der letzten, unendlich lang erscheinenden Treppe erreichen wir das Plateau. Der Schnee liegt hier Zentimeterhoch und ist steinhart, sodass sich die Äste bis fast auf den Boden biegen. Wir haben nur einige Meter Sicht, doch bietet sich uns hier eine super skurrile Landschaft.
Für den bevorstehenden Rückweg haben wir uns jedenfalls sofort für die Seilbahn entschieden. Zurück im Vorort erwartete uns schon ungeduldig Mr. Hu. Ach ja, da war ja noch etwas. Gemeinsam mit dem Taxifahrer haben sie tatsächlich auf uns gewartet und fahren uns nun zu seinem Hotel. Nach einem Essen machen wir einen Preis aus, bezahlen mit einem leicht unguten Gefühl und werden schließlich zurück zu unserem Hotel gefahren. Später hat sich herausgestellt, dass Mr. Hu sich in Reiseforen einen (doch recht positiven) Namen gemacht hat und wohl schon andere ausländische Touristen, die dem Chinesischen nicht mächtig sind, durch Mt. Huang Shan geleitet haben soll. Eine Erfahrung, die uns immer an Huangshan erinnern wird, war die Tour allemal. Und diese vielen Momente, als wir wie Außerirdische angestarrt wurden oder man sich verlegen lachend weggedrehte, wenn man sie auf englisch angesprochen hat. Aber egal wie, ob mit Handzeichen, Pantomime oder einfach mit zufälligen Bekanntschaften, irgendwie klappt die Verständigung zwischen jedem Menschen, egal woher man kommt.

Gelber Berg

Gelber Berg

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