Good Evening, Vietnam!

Je länger wir unterwegs sind, umso schneller scheint die Zeit davonzulaufen. Der erste Monat unserer Jahresreise ist fast um und das China-Visum läuft aus. Wir müssen langsam entscheiden, wie wir von Hongkong aus nach Vietnam weiterreisen wollen. Ein Flug ist ausgeschlossen. Zu teuer und man verpasst die Landschaft. Eine Bus- oder Zugfahrt nach Hanoi ist eindeutig zu lang. Also legen wir in Nanning, der letzten Stadt vor der Grenze, einen Zwischenstopp ein. Was es über diese Stadt zu sagen gibt? Außer, dass sie groß, grau und hässlich ist, nicht wirklich viel. Aber hier ist es sehr preiswert und wir können uns ein 5-Sterne-Hotel erlauben, wofür wir übrigens genauso viel bezahlen, wie für unsere „Nasszelle“ in Hongkong.
Unser Plan für den nächsten Tag ist, Zugtickets direkt am Bahnhof zu kaufen. Jaaa, bis jetzt waren unsere Erfahrungen (und Erfolge) mit den chinesischen Bahnhöfen nicht die besten gewesen und das müsste uns eigentlich zu denken geben. Aber wir haben diesmal die Zugnummer und einen englischsprachigen Schalter (Nr. 16) herausgesucht. Da kann doch nix schiefgehen!
Wir stehen also vor unserem Schalter und da passiert es wieder: ein Déjà-vu. Auf der Anzeigetafel erscheint nicht unsere Zugnummer. Egal, wir sind jetzt an der Reihe. Wir erklären der Dame unser Anliegen und sie antwortet uns im perfekten Englisch „Tomorrow, no!“ und will uns auch schon wieder fortschicken. Was passiert hier gerade? Ein Zug von Nanning nach Hanoi sollte eigentlich jeden Tag fahren, JEDEN! Nach einer gequälten Unterhaltung voller pantomimischen Gesten erfahren wir, dass wir den nächsten freien Zug erst in 5 Tagen nehmen können, was wohl dem chinesischen Neujahr zu verdanken ist. Okay, wie und wo finden wir jetzt einen freien Bus, der uns nach Hanoi bringt? Am Ausgang sehen wir zwei Mädchen mit orangefarbener Schärpe. Keine Ahnung warum, aber sie können uns weiterhelfen, da sind wir uns sicher. Und sie führen uns tatsächlich zu einem versteckten Busschalter am Rande des Geländes und besorgen die richtigen Tickets. Der Weiterfahrt ins nächste Land steht nun nichts mehr im Wege – danke Mädels!
Eine 9-Stunden-Fahrt steht uns jetzt bevor und wir freuen uns auf wärmeres Wetter sowie junge Leute, die eine ähnliche Reise verwirklichen wie wir. Auf der Fahrt zur Grenze lernen wir eine Chinesin kennen, die ebenfalls ein Hostel in Hanoi sucht. Sie ist die erste von uns, die den vietnamesischen Schalter passiert und den Ausgang Richtung Anschlussbus verlässt. Der Beamte lässt sich bei uns etwas mehr Zeit. Er fragt erst Christoffer, dann (wie zur Kontrolle) seinen Kollegen, aus welchem Land wir kommen. Ist ja nicht so, dass das im Pass stehen würde. Dann dürfen auch wir das Grenz-Gebäude verlassen und wir suchen unseren Bus. Dieser kommt uns auch schon direkt entgegen, fährt an uns vorbei und wir sehen noch die Chinesin, die uns freudestrahlend nachwinkt. Zwei Stunden später sitzen wir dann endlich im nächsten Bus Richtung Hanoi.

Feld

 

Schon kurz nach der Grenze fallen uns die kleinen Veränderungen auf, als wir durch die ersten vietnamesischen Orte fahren. Die großen, grauen Hochhäuser sind den sehr schmalen Einfamilienhäusern gewichen, die mit ihrer farbigen Frontseite vereinzelt stehen oder sich dicht an dicht aneinanderreihen. Davor sind meist kleine Läden oder Cafés mit rosa- oder lilafarbenen Plastikstühlen zu sehen und immer mal wieder hockende Menschen. Generell hockt man hier gern und oft, was besonders in Großstädten vor allem am Platzmangel liegt. Es sieht auch ziemlich einfach und bequem aus. Doch es bedarf Übung, um in die perfekte Hocke zu gehen und darin Minuten oder sogar Stunden lässig zu verweilen. Ich habe es ausprobiert und bereits nach wenigen Sekunden sind mir die Füße eingeschlafen.

Hocke

Jedes Mal, wenn wir einen Ort durchqueren, bietet sich uns eine beeindruckende Landschaft mit weiten, grünen Reisfeldern und komplett bewachsenen Berghängen. Zwischen den Feldern ziehen sich schmale Wege, auf denen vereinzelte Mopeds mit frischen Setzlingen stehen, die von den Reisbäuerinnen in den tiefen Schlamm gepflanzt werden. Diese Frauen fallen auf. Ob auf den Feldern oder auf dem Fahrrad: niemals fehlt ihr Kegelhut, der traditionelle Nón lá. Und immer wieder begegnen uns Kinder, die eine Herde Kühe oder Wasserbüffel am Straßenrand entlangführen. Niemand scheint dabei auch nur ansatzweise nervös zu werden, wenn ein LKW an ihnen hupend vorbeibrettert. Unser Busfahrer scheint seine Hupe regelrecht zu lieben, denn er benutzt sie die komplette Fahrt hindurch. Diese Fahrweise ist in Vietnam wahrscheinlich noch sinnvollerer als in China (und wohl auch lebensrettend), da fast jeder hier im Land ein Motorrad fährt. Und unsere Straße ist voll von laut hupenden, quer durcheinander fahrenden Zweirädern, durch die sich unser Bus seinen Weg bahnt. Da wirkt es fast makaber, dass regelmäßig kleine Friedhöfe mit farbigen, spitzen Grabtürmchen in Straßennähe auftauchen. Wir haben unsere Fahrt jedenfalls unfallfrei überstanden und erreichen am Abend Hanoi. Der Bus hält an irgend einem Straßenrand und gibt uns zu verstehen, dass hier die Endstation ist. Unser Hostel ist noch einige Kilometer entfernt, also nehmen wir eines der Taxis, die sich bereits um den Bus tummeln. Auf der Fahrt durch die Stadt bemerken wir die roten Banner über den Straßen und die mit rot-goldenem Schmuck verzierten Häuser. Ja klar, in wenigen Tagen beginnt das vietnamesische Neujahrsfest! Wir sind gespannt und freuen uns schon jetzt auf das Silvester Nummer 2.

Kühe

1 Kommentar Schreibe einen Kommentar

  1. erto

    Klingt nicht stressfrei, aber aufgrund der Bilder scheint mir das mehr als lohnenswert 🙂 enjoy und Grüße aus der Heimat

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