2.Etappe: Hàng Trạm – Xuân Khánh (QL 1A)

[08.Februar | 211km]

Unser Motel scheint sich mitten im Nirgendwo zu befinden. Gegenüber ist nur eine Werkstatt und eine Art Restaurant. Keine Ahnung, wie wir hier an Bargeld kommen sollen. Als wir eincheckten, wurde unsere Visa-Karte gleich abgelehnt – nur Cash. Auf die Frage, wo wir den nächsten Geldautomaten finden würden, zeigte man unsicher in eine Richtung. Ob hier die ATMs einfach so in der Landschaft rumstehen? Als wir uns auf die Suche machen, bemerken wir, dass wir gar nicht so allein sind. Nach und nach reihen sich die ersten Wohnhäuser entlang der Straße und einige Bewohner schauen uns neugierig hinterher. Es verlaufen sich eindeutig selten westliche Touristen in dieser Gegend. Als wir eine Kreuzung erreichen, stehen wir plötzlich inmitten einer Kleinstadt. Viel ist allerdings nicht los, wegen der Tết-Feiertage, und alle Restaurants scheinen geschlossen zu haben. Mit Ausnahme von einigen Supermärkten. Nachdem wir Geld abgehoben haben, werden wir uns wohl mit Cracker und extrem süßen Kuchen eindecken müssen…
Auf dem Weg durch die Stadt fühlen wir uns permanent beobachtet. Alle Augen scheinen auf die Fremden gerichtet zu sein. Einfach jeder muss es seltsam finden, uns zu sehen … jeder, bis auf eine Person. Erst auf dem zweiten Blick erkennen wir, dass es kein Vietnamese ist, der sich uns grinsend nähert. Er kommt uns so bekannt vor, aber das kann eigentlich nicht sein, nicht hier. Und langsam macht es klick – es ist der Schotte, den wir während der Bootstour nach Cat Ba Island vor über einer Woche kennen gelernt haben! Er erzählt uns, dass er mit dem Rad unterwegs sei und hier rein zufällig gelandet ist, nachdem er (wie wir) den Eingang zum Nationalpark nicht gefunden hatte. Das ist solch ein Moment, den wir am Reisen lieben. Man lernt für kurze Zeit die unterschiedlichsten Menschen so intensiv kennen, als hätte man einen alten Freund getroffen. Läuft man demselben Menschen dann erneut über den Weg, ist es schon fast erschreckend, wie klein die Welt ist. Gemeinsam machen wir uns auf die Suche nach etwas Essbarem. Vor einem Haus, in dem eine Familie bereits Abendbrot zubereitet, werden wir fündig. Es ist eigentlich ein geschlossenes Restaurant, aber für uns gibt es Nudelsuppe und Bier. Der Abend ist gerettet und wir wünschen uns viel Glück für die weitere Tour, bevor sich unsere Wege wieder trennen.

Rumpel&SchnurriSpäter als vorgenommen schnüren wir unser Gepäck auf die Motorräder. Um nicht im Dunkeln anzukommen (und in Vietnam wird es schnell dunkel), müssen wir uns beeilen. Über 200 km sind es bis zum Strand kurz vor Cửa Lò. Wenn wir erstmal da sind, finden wir schon rechtzeitig eine Unterkunft… Mit der neuen SIM-Karte in meinem Smartphone finden wir schnell die richtige Straße durch den Nationalpark. Es ist noch etwas diesig und auf meinem Visier sammeln sich winzige Tropfen. Die Straße ist kaum befahren, nur ab und zu treffen wir auf Einheimische und vereinzelte Kühe am Straßenrand. Die Landschaft, die sich plötzlich verändert hat, ist der Wahnsinn. Wir fahren mitten durch ein Gebirge, dass fast komplett bewachsen ist. Soweit wir sehen können, ragen hohe Berge in die Höhe. Nach einigen Stunden Fahrt und einer kurzen Mittagspause auf einem Rastplatz müssen wir unsere vertraut gewordene Ho Chi Minh-Road verlassen und uns östlich halten. Um die Küste zu erreichen, ist das, was wir auf jeden Fall vermeiden wollten, unumgänglich: die Überquerung der QL 1A, die am stärksten befahrene und somit gefährlichste Straße Vietnams. Okay, solange wir nicht auf ihr fahren müssen…
Kurz nach einer Stadt ist es dann soweit. Direkt hinter einem Bahnübergang befindet sie sich; und sie ist knackevoll! Motorräder, Busse und LKWs schieben sich langsam vorwärts auf einer zweispurigen Straße, die alles andere ist, aber keine Autobahn. Zu beiden Seiten hin löst sich der Asphalt auf und geht in einen staubigen Erdabschnitt über. Ich überquere als Zweite die Bahngleise und meine Horror-Vorstellungen werden zur Realität. Um auf die QL 1A zu gelangen, muss ein Stück bergauf durch tiefe Furchen gefahren werden. Ich bleibe stecken und saufe ab – halb auf der Auffahrt, halb auf der rechten Spur stehend. Ich kann mein Motorrad kaum halten und versuche krampfhaft neu zu starten. Hupend schiebt sich ein LKW vorbei und plötzlich schert vor mir ein Auto aus und kommt mir als Geisterfahrer entgegen. Direkt vor mir weicht er endlich aus und biegt ab. Nachdem ich aus meiner Angststarre erwacht bin, schaffe ich es doch, das Motorrad an den Rand zu schieben. Und nach weiteren 5 Minuten ist sie da, eine Lücke, und wir rollen auf die andere Straßenseite.

Nach einer kurzen Fahrt erreichen wir einen Plattenweg und dahinter hören wir es schon: das Meer! Es ist ungefähr halb 6 und die Sonne geht bereits unter. Hotels müssten hier eigentlich haufenweise zu finden sein … eine totale Fehleinschätzung! Nachdem wir an einigen Wohnhäusern vorbeigekommen sind, befinden wir uns wieder zwischen Nadelbäumen und Feldern. Ein Einheimischer weist auf einen Weg, der nur in eine Richtung führt: zurück zur QL 1A. Doch zuerst werden meine Anfahr-Künste auf die Probe gestellt, als wir durch ein Dorf mit viel zu engen Gassen müssen. Mittlerweile ist es dunkel geworden und von weitem sehen wir schon die vielen Scheinwerfer. Da müssen wir jetzt wohl durch. Noch einmal alle Kräfte zusammengenommen schlüpfen wir in eine Lücke und fahren die nächst mögliche Abfahrt ab. Direkt neben der QL 1A reihen sich Läden und Bars, aber kein verdammtes Hotel! Ich beginne meinen Streik und will mein Motorrad kein Stück mehr auf dieser Straße bewegen. Eine Frau kommt uns entgegen und weißt uns zu einer Einfahrt. Und tatsächlich befindet sich hier auf dem Hinterhof ein Motel. Nach der heiß ersehnten Dusche und einem Blick ins Internet erfahren wir, dass Cửa Lò mit einem ausgezeichneten Beach-Resort nur wenige Kilometer von uns entfernt liegt. Morgen wird es also eine ziemlich entspannte Etappe … hoffentlich.

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